Verschwörungstheorien – Ein Eigentor, Frau Prof. Gess!

Das sollten wohl Querdenker und andere Menschen …

… mit einer eigenen, kritischen Meinung in die Ecke der Verschwörungstheoretiker, der Rechten, der Staats- und Demokratiefeinde gerückt werden.

Das sehen sehr viele Leser des Interviews mit Frau Prof. Gess jedoch komplett anders. Bleiben z. B. die Fragen:

  • Wer verschwört sich gegen wen?
  • Wer bringt Halbwahrheiten ohne Ende?
  • Wer fährt ein ganzes Land mit wissenschaftlich vollkommen unzureichenden Grundlagen komplett gegen die Wand?

Leserkommentare* geben Auskunft

Das WELTplus*-Interview komplett:

Halbwahrheiten sind schwer zu widerlegen. Das macht sie verführerisch. Die Philologin Nicola Gess erklärt, was Verschwörungstheorien von Sozialkritik unterscheidet. Und warum es neben dem Faktencheck auch einen Fiktionscheck braucht.

Leben wir im Zeitalter der Verschwörungstheorien?

Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess hat gerade ein Buch über die Logik von Halbwahrheiten veröffentlicht („Halbwahrheiten: Zur Manipulation von Wirklichkeit“, Matthes & Seitz, 157 S., 14 €).

Grün-kursiven Text & alle Verweise und Kommentare lesen.

WELT: Liebe Frau Gess, beginnen wir mit einer Frage, die Lukian von Samosata ganz ähnlich in seinem „Lügenfreund“ gestellt hat: Was mag wohl die Ursache sein, dass die Menschen so große Liebhaber von Un- oder Halbwahrheiten sind?

Nicola Gess:Lukian hat da den Aberglauben im Blick; aber wenn man mal an Lügen und Halbwahrheiten im heutigen Verständnis denkt, dann könnte man vielleicht sagen: Menschen verwenden Un- oder Halbwahrheiten, wenn sie ihnen nutzen; sie glauben an sie, wenn sie ihnen Sicherheit geben, weil sie mit ihnen zum Beispiel an bisherigen Überzeugungen festhalten können.

Man kann Ihre Frage aber auch so verstehen: Warum sind Menschen von Lügen und Halbwahrheiten so fasziniert? Das liegt daran, dass wir im Raum der Unwahrheit viel freier sind als dem der Tatsachen. Der Imagination sind keine Grenzen gesetzt, auch im Raum der Unwahrheit. Und natürlich haben Halbwahrheiten manchmal auch einen gewissen Unterhaltungswert.

WELT: Lügen haben kurze Beine. Wie sind Halbwahrheiten aufgestellt?

Gess: Schönes Sprachspiel! Halbwahrheiten haben längere Beine als Lügen. Das liegt daran, dass immer etwas Wahres an ihnen dran ist. Das schützt die Halbwahrheit vor ihrer Enttarnung. Die klassischen Widerlegungen von Halbwahrheiten folgen immer einem bestimmten Muster: Das stimmt zwar, aber einiges daran stimmt eben nicht. Das hat schon einen gewissen Komplexitätsgrad, sodass viele Leute weghören oder nur das Ja hören, vor allem diejenigen, die gern daran glauben wollen.

WELT: Halten wir durch die permanente Inszenierung von Authentizität inzwischen das Wahre für das Falsche und umgekehrt?

Gess: Der Zusammenhang ist komplizierter, glaube ich. Die Unterscheidung echt/unecht lässt sich nicht einfach auf die Opposition wahr/falsch übertragen. Man kann ja auch authentisch lügen. Authentizität ist kein Garant für wahre Aussagen. Es gibt aber die Tendenz, das eine durch das andere zu ersetzen. Dann fragt man bei Politikern zum Beispiel nicht: „Sagt der die Wahrheit?“, sondern: „Ist der authentisch?“

Und die Dauerpräsenz des Inszenierten kann dann darauf hinauslaufen, Differenzen zu nivellieren: Was heißt schon authentisch? Spielen wir uns nicht alle nur etwas vor? Diese Relativierung in Bezug auf Authentizität lässt sich dann auch wieder in Bezug auf die Unterscheidung wahr/falsch beobachten.

WELT: Halbwahrheiten siedeln Sie im Fiktiven an. Resignieren wir vor dem postfaktischen Zeitalter?

Gess: Nicht komplett im Fiktiven. Halbwahrheiten schlagen die Brücke vom Raum der Tatsachen in den Raum der Spekulation und Fiktion. Das macht sie einerseits schwer zu widerlegen, aber auch verführerisch. Nein, ich resigniere nicht. Auch die kritische Aufmerksamkeit, mit der dieses Phänomen bedacht wird, zeigt ja, dass nach einem Verfahren, einem Verständnis für dieses Phänomen gesucht wird.

WELT: Welche Funktion haben Halbwahrheiten im politischen Diskurs?

Gess: Halbwahrheiten desorientieren den menschlichen Wirklichkeitssinn. Hannah Arendt bezeichnet damit einen geteilten Sinn dafür, was wirklich ist und was nicht. Dieser Sinn ist abhängig von Tatsachenwahrheiten, die durch Prüfprozesse validiert sind. Diese Tatsachen geben der diskursiven Meinungsbildung, die für Arendt das Wesen demokratischer Politik ausmacht, den Gegenstand vor, setzen ihr aber auch Grenzen, indem sie sie vor der Neigung zur Spekulation schützen.

Genau diese Grenzen überschreitet die Halbwahrheit. Sie steht mit einem Fuß noch im Raum der Tatsachenwahrheit, stößt aber gleichzeitig schon die Tür auf zu einem Universum, in dem sich jeder die Wirklichkeit zurechtbiegen kann, wie sie ihm passt. Eine Konjunktur der Halbwahrheiten destabilisiert also den Grund, auf dem wir stehen.

WELT: … und damit auch den politischen Diskurs?

Gess: Genau.

WELT: Sie sprechen von „Superspreadern“ der Halbwahrheiten. Auch ist die Rede von „Borderline“-Texten. Ist diese Pathologisierung der Rede nicht eher schädlich als nützlich?

Gess: Beim Begriff des Borderline-Textes geht es einfach nur um Texte auf der Grenze zwischen Fakt und Fiktion. Mit der Borderline-Störung hat das nichts zu tun, es ist nur die gleiche Metapher. Den Begriff des Superspreaders verwende ich im Kontext der Verbreitung von Halbwahrheiten im Internet. Das ist die Metapher des „Viral-Gehens.“ Halbwahrheiten wollte ich bestimmt nicht pathologisieren, denn damit nähme man dem sozialen Phänomen seine Sprengkraft.

WELT: Hochstapler sehen Sie als Subjektform der Halbwahrheiten. Hochstapler aber genießen auch eine gewisse Bewunderung. Was verlieren wir, wenn wir den Hochstapler enttarnen?

Gess: Der Glanz des Hochstaplers strahlt auf sein Publikum ab. Nicht selten bezieht das Publikum daraus auch gewisse monetäre Vorteile. Zum Beispiel, wenn das Hotel, in dem der vermeintliche Prinz absteigt, auch andere illustre Gäste anzieht. Auch der „Spiegel“ hat davon profitiert, dass er mit Relotius einen scheinbar so ho chkarätigen Reporter in seinen Reihen hatte, nicht nur im Renommee, sondern auch durch zufriedene Leserinnen und Leser.

WELT:  „Verschwörungstheorien“ basieren auf Halbwahrheiten. Anhand welcher Kriterien kann man Sozialkritik von Verschwörungstheorien unterscheiden?

Gess: Halbwahrheiten gehören zu den diskursiven Instrumenten, die Verschwörungstheoretiker nutzen, um ihre „Theorien“ mit einer Scheinevidenz auszustatten. Aber zu Ihrer Frage: Es ist sehr gut möglich, Sozialkritik zu üben, ohne gleich von Verschwörungen reden zu müssen. Auch umgekehrt ist es nicht so, dass jeder Verschwörungstheorie ein sozialkritischer Impuls zugrunde liegt.

 Aber selbst dort, wo das der Fall ist, verstellt das manichäische Basisnarrativ von Verschwörungstheorien, d.h. der Kampf zwischen Gut und Böse, die Einsicht in das Funktionieren moderner Gesellschaften geradezu. Auf die Frage: „Warum fühle ich mich eigentlich so ohnmächtig?“, würde eine sozialkritische Analyse zum Beispiel Institutionen, Strukturen und Diskurse in den Blick nehmen.

Verschwörungstheorien dagegen re-etablieren hier schlicht menschliche Intentionalität: An allem ist eine Gruppe böser Individuen Schuld, auf deren Entlarvung und Bestrafung die anderen nun hinarbeiten können. Auf den wahrgenommenen Autonomieverlust, aus dem sich eine kritische Gesellschaftstheorie entwickeln könnte, reagiert die Verschwörungstheorie also mit einem rein imaginären Autonomiegewinn.

WELT: Wird mit dem Begriff der „Verschwörungstheorie“ nicht auch der liberale Individualismus diskreditiert?

Gess: Nein, mit Timothy Melley würde ich vielmehr sagen: Verschwörungstheoretiker verteidigen auf eine paradoxe Weise den liberalen Individualismus, indem sie eine Gruppe mächtiger Individuen imaginieren, die die Gesellschaft fremdsteuern und autonom und frei in ihrem Handeln agieren und gegen diejenigen, die Verschwörung erkennen, nun ebenso zielgerichtet angehen können. Auf den richtigen Impuls, nämlich die Frage: „Warum fühle ich mich eigentlich so unfrei?“, reagiert die Verschwörungstheorie also mit einem eingebildeten Gewinn von Autonomie, nicht aber mit einem wirklichen Verständnis der Ursachen.

WELT: Ken Jebsens Erfolg erklären Sie sich damit, dass er sich zum Vertrauten seines Publikums mache. Wie funktioniert das in unserer Post-Trust-Ära?

Gess: Ja, das ist eine seiner Methoden. Er erzählt Anekdoten aus seinem Privatleben und evoziert so ein Gefühl der Vertrautheit, mit dem die Bereitschaft einhergeht, ihm Vertrauen zu schenken. Auch hier haben wir es natürlich mit der Inszenierung von Authentizität zu tun. Aber auch mit einem Instrument, die Verschwörungstheorie mit Glaubwürdigkeit auszustatten: dem Freund, dem Vertrauten glaubt man eben.

WELT:Es wird kaum mehr Spott ausgeschüttet über die Gebildeten, die sich an haarsträubenden Geschichten ergötzen. Fehlen uns kühne Satiriker, die sich Wortführer- und Meinungsmacher vorknöpfen?

Gess: Ist das so? In den langen Trump-Jahren haben die Late-Night-Talker ja große Erfolge gehabt, John Oliver oder Trevor Noah zum Beispiel. Sie haben es nicht an kritischer Satire über Halbwahrheiten, Lügen und Verschwörungstheorien an der Spitze des Staates fehlen lassen. John Oliver hat auch immer einen aufklärerischen Impetus dabei.

WELT: „Fiktionscheck statt Faktencheck“ lautet Ihr Plädoyer in Bezug auf Halbwahrheiten. Was erwarten Sie sich davon?

Gess: Mir geht es weniger um einen Ersatz als um eine Ergänzung. Erst einmal hilft es, auf Halbwahrheiten aufmerksam zu werden und die Logik postfaktischer Rhetorik zu verstehen. Mit Faktenchecks gelingt es dann, bei Halbwahrheiten die Spreu vom Weizen zu trennen. Das reicht aber nicht aus. Deshalb schlage ich vor, den Faktencheck durch einen Fiktionscheck zu ergänzen. 

Halbwahrheiten richten sich ja nicht nach der Logik wahr/falsch, sondern nach Schemata wie passend/unpassend, glaubwürdig/unglaubwürdig, emotional/nüchtern. Diesen Code muss man in den Blick bekommen, weil man nur so Halbwahrheiten identifizieren und entzaubern kann. Nur so kann man auch verstehen, warum die Leute an sie glauben. Das ist wichtig, denn man sollte sich letztlich fragen: Was ist das für eine Gesellschaft, in der Halbwahrheiten gewinnen; was sind das für Strukturen, die eine Dominanz des postfaktischen Diskurses befördern?

WELT: „Poesie als höchste Instanz des Realismus“ postulierte Friedrich Schlegel. Könnten wir sogenannte „Verschwörungstheorien“ und Halbwahrheiten nicht auch als moderne Memoria und Wegbereiter von etwas Neuem begreifen?

Gess: In der Frühromantik verbindet sich mit solchen Aussagen die Einsicht, dass unsere Sprache und unser Denken die Wirklichkeit formen, sowie die Hoffnung, dies für eine tatsächliche Veränderung der Realität nutzen zu können. Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien zeigen durchaus die Macht der Sprache und der Geschichten auf – aber vor allem ihre manipulative und gefährliche Seite.

Außerdem sind Verschwörungstheorien von ihrer Anlage her eher konservativ. In der Regel geht es hier nicht um etwas Neues, sondern darum, eine bedrohte gesellschaftliche Ordnung zu bewahren oder wieder herzustellen; und dies alles eingebettet in das uralte, mythisch konnotierte Motiv des Kampfes von Gut gegen Böse. Im Gegensatz zur Frühromantik lässt sich aus Verschwörungstheorien kein utopischer Funke schlagen.

*Weil das Interview außerordentlich wichtig für die Debatte um Corona ist, zitieren wir den Text und die Leserkommentare. Verweise lesen Sie, wenn Sie WELTplus testen/abonnieren.

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